Endschuhe

 

Kalte Füße? Im Winter auf der Ostalb keine Seltenheit! Doch es gibt ein sehr gutes Mittel dagegen - besonders unsere Mitbürger aus Burgberg können uns spontan eines empfehlen:

Endschuhe!

Was hat es nun auf sich mit diesen Enddeppern - wie sie auch genannt werden?

Diese aus Filz-Enden kunstvoll über einen Leisten geflochtenen Hausschuhe, die innen mit Abfallschurwolle gefüttert werden und mit Baumwollstoff ausgekleidet, auf eine dicke Filzsohle aufgeklebt sind, wärmen alle kalten Füße und haben zudem durch ihre Farbenvielfalt ein gefälliges Aussehen.

Doch, wie kam der Endschuh nach Burgberg?

Es war im Jahr 1875, als der Musiker Franz Josef Heidler, der Trompeter und später Chorleiter bei den Dragonern in Ulm war, eine Bauerstochter aus Waldmössing bei Oberdorf im Schwarzwald heiratete. Die junge Frau -Sophie Rot - war in einem Ulmer Hotel Köchin gewesen. Die beiden siedelten nach Burgberg.

Da Franz Heldler als Trompeter bei Hochzeiten in der Umgebung spielte, wurde Sophie Heidler mit Persönlichkeiten der damaligen Zeit bekannt, unter anderem mit Frau Joos, der Schwester des Filzfabrikanten Kommerzienrat Hähnle aus Giengen und mit Margarete Sfeiff.

Durch Frau Joos wurden ihr Filzreste geliefert und sie lernte somit aus Abfällen brauchbare Dinge anzufertigen.

Sophie Heidler war mit Flechtarbeiten vertraut durch das in ihrer Heimat verbreitete Anfertigen von Strohhüten.

So begann sie aus den selbst zugeschnittenen Filzstreifen auf Schusterleisten einfache und brauchbare Schuhe zu flechten. Dieses neue Handwerk entwickelte sich weiter. Somit war der Endschuh geboren.

Ein Segen für das Örtchen Burgberg. Denn in keinem Ort des Kreises war die Not größer, da die Gemarkung des Ortes klein und kärglich war und so nur wenigen Bewohnern eine landwirtschaftliche Nutzung erlaubte. Die meisten Bewohner schufen sich daher andere Verdienstmöglichkeiten, um für ihre Familien sorgen zu können. Sie mussten sich als Tagelöhner verdingen oder auf Wanderschaft gehen - oder sie schufteten als Heimarbeiter.

Bereits im 18, Jahrhundert gab es einen Gewerbelehrer, der den Einwohnern das Korbmachen lehrte. Andere fertigten Rechen, Bürsten, Siebe und/oder Besen. Die Frauen strickten Kleidungsstücke. Alles das verkauften die Bewohner oder tauschten es gegen Lebensmittel ein.

Und nun gab es ein neues Produkt - so würde man heute sagen -, das in Handarbeit hergestellt werden konnte, und das es nur in Burgberg gab:

den Endschuh.

Denn Jene Sophie Heidler verkaufte ihre Endschuhe an die Firma Stadtmüller in Giengen und gab sie Hausierern zum Verkauf mit. Nach und nach lehrte sie vielen anderen ihrer Burgberger Nachbarn die Herstellung Jener Endschuhe. Sie selbst stellte den Burgbergern das Material und die Arbeitsmittel zur Verfügung und nahm als Gegenleistung die fertigen Schuhe in Empfang. Zudem erhielten die Arbeiter Brot und andere Lebensmittel aus Sophies Krämerladen in der Hinteren Gasse zum Tausch - oder auch gegen Geld. 

Um das Jahr 1900 zahlte Sophie Heidler für ein Paar Endschuhe in normaler Erwachsenengröße zehn Pfennig, das war damals der Preis für einen halben Liter Bier. Bis zu einer Mark am Tag konnte ein fleißiger Heimarbeiter bei der Fertigstellung von acht bis zehn Paar Endschuhen am Tag verdienen. Ein Arbeiter in der Filzfabrik verdiente damals 1,25 Mark am Tag.

Sicher war die Bezahlung ein Hungerlohn, da ja die ganze Familie mitarbeiten musste, um eine ausreichende Menge an Schuhen zu flechten, aber es war in jenen schweren Zeiten eine weitere Möglichkeit, um den Lebensunterhalt der Familie zusammenzutragen.

Ein neues Problem für den Verkauf der Endschuhe an der Haustür findet sich in den Gemeinderatsprotokollen der Gemeinde Burgberg aus dem Jahr 1926:

Bei der Sitzung am 22. Mai 1926 beschloss der Gemeinderat, beim Bezirksrat für den Oberamtsbezirk Heidenheim gemäß § 66 der Gewerbeordnung den Antrag zu stellen, die in Burgberg gefertigten Korbwaren und Endschuhe zu Gegenständen des Wochenmarktes zu erklären,

Warum wurde dieser Antrag gestellt? Sollten die Endschuhe zu Gegenständen des Wochenmarktes erklärt werden, dann war es möglich, diese im Umkreis von 15 Kilometern des Wohnortes des Herstellers ohne Wandergewerbeschein zu verkaufen.

Da die finanziellen Mittel der Bewohner sehr spärlich waren, hafte das Einlösen eines Wandergewerbescheines ein neues Loch in ihr bescheidenes Einkommen geschnitten.

Bis dahin war das Hausieren im Umkreis von 15 Kilometern des Wohnortes ohne Wandergewerbeschein von den Polizeibeamten anerkannt worden, da diese die Korbwaren und Endschuhe als selbst verfertigte Waren im Sinne des § 66 der Gewerbeordnung anerkannten.

Die Bewohner waren daher auch davon ausgegangen.

Jetzt sollte diese Auffassung offiziell und amtlich besiegelt werden, um den Burgbergern auch zukünftig dieses Recht zu sichern. Dieser Einsatz war notwendig geworden, da es zu einer Strafverfügung gegen einen Korbmacher gekommen war, der ohne Wandergewerbeschein seine Ware verkauft hatte - wie bis dahin üblich.

Doch der Bezirksrat für den Oberamtsbezirk Heidenheim lehnte den Antrag mit folgender Begründung ab:

§ 59 der Gewerbeordnung sagte aus, dass ein Wandergewerbeschein nicht notwendig gewesen wäre, wenn im Umkreis von 15 Kilometern des eigenen Wohnortes selbst verfertigte Waren angeboten worden wären, die Gegenstände des Wochenmarktes gewesen wären.

Diese Gegenstände des Wochenmarkfes wurden dann in der Gewerbeordnung beschrieben: u. a. Waren, die in Nebenbeschäftigung der Landleute der Gegend oder durch Tagelöhner hergestellt wurden.

Als „Landleute" laut der Gewerbeordnung wurde die Landwirtschaft treibende Bevölkerung betitelt, Hierzu zählten die Bewohner Burgbergs nicht. Zudem setzte das Herstellen der Waren eine gewisse Ausbildung und Übung voraus, sodass keine Tagelöhnerarbeit vorlag.

Ein zweiter Punkt betraf die so genannte „Ortsgewohnheit", das heißt das ortsübliche, traditionelle Herstellen der Waren. Diese stellte der Gemeinderat in seinem Antrag wie folgt dar: „Die Anfertigung von Korbwaren (...) und von Endschuhen wird in Burgberg seit alters beinahe in jedem Hause als Nebenbeschäftigung betrieben" und weiter „bildet diese Beschäftigung für viele Einwohner einen nicht unwesentlichen Nebenverdienst".


Giengener Filzfab rik


Offinger Filzfabrik 1950

Diese Ortsgewohnheit der Herstellung von Korbwaren und Endschuhen erkannte der Bezirksrat zwar an - es musste hier jedoch die Ortsgewohnheit in Verbindung mit dem Bedürfnis nach der Ware geprüft werden.

Bei der Frage des Bedürfnisses galt jedoch nur das Interesse der Bewohner des Absatzgebietes. Heute würde man sagen, dass es von vornherein zu klären war, ob es auch einen Absatzmarkt für die Produkte gäbe.

Dieses Bedürfnis nach der Erweiterung der Wochenmarktgegenstände erkannte der Bezirksrat nicht an: Auf dem Heidenheimer Wochenmarkt waren weder Korbwaren noch Endschuhe feilgeboten worden und daher auch nicht gängig. Kurz gesagt, nach Ansicht des Bezirksrates bestand kein Absatzmarkt für die Waren.

Bei der Gemeinderatssitzung in Burgberg vom 13. August 1926 wurde der Beschluss gefasst, Beschwerde gegen den Beschluss des Bezirksrates bei der Ministeialabteilung für Bezirks-und Körperschaftsverwaltung zu führen. Gleichzeitig wurde die Bitte an die Behörde gerichtet, den Beschluss aufzuheben und die Korbwaren und Endschuhe zu Gegenständen des Wochenmarktes zu erklären.

Das württembergische Arbeits- und Ernährungsministerium nahm in einem Schreiben vom 11. Oktober 1926 Stellung zu dem Beschluss des Gemeinderates.

Die Beschwerde gegen den Bescheid des Bezirksrates wurde als unbegründet abgewiesen.

Zudem konnte der Bitte nach Aufhebung des Bescheides nicht nachgekommen werden, da die zuständige Verwaltungsbehörde der Bezirksrat Heidenheim war, der auf Antrag der Gemeindebehörde befugt war, zu bestimmen, welche Gegenstände zu den Wochenmarktartikeln gehören. Die Gemeindebehörde, die den Antrag stellte, musste jedoch eine Gemeinde sein, in der Wochenmärkte stattfanden. Das war in Burgberg nicht der Fall. Daher hatte Burgberg kein Antragsrecht.

Somit beschloss der Burgberger Gemeinderat in seiner Sitzung vom 23. Oktober 1926, die Einwohnerschaft durch ortsübliche Bekanntmachung auf das Erfordernis eines Wandergewerbescheins hinzuweisen.

Vom 20. Oktober 1926 bis zum 11. November 1926 hing die „Bekanntmachung" aus.

Hiernach musste jeder, der selbst verfertigte Waren auch im Umkreis von 15 Kilometern seines Wohnortes von Haus zu Haus anbietet, im Besitz eines Wandergewerbescheins und Straßensteuerheftes sein.

Heute sind es nur noch wenige Frauen, die die Kunst des Endschuhmachens verstehen.

Zu ihnen gehört Frau Luitgard Schwenk. Sie selbst hat das Endschuhflechten von ihrer Großmutter gelernt. Schon als Kind begleitete sie ihre Großmutter zu Fuß bis nach Offingen zur dortigen Filzfabrik. Mit dem Leiterwagen holten sie hier Filzreste ab. Von den Bediensteten gab es dann immer etwas Gutes zu trinken. Während des Zweiten Weltkrieges und in der Nachkriegszeit war es so gut wie unmöglich, Filzreste zu bekommen. Denn die Filzfabriken, sowohl in Giengen als auch in Offingen, litten selbst unter der Rohstoffknappheit war die Abgabe von Filzabfällen die Offinger Filzfabrik frühestens ab April /Mai 1946 offiziell möglich.


Frau Luitgard Schwenk am Verkaufsstand bei der Messe

Frau Schwenk erzählte nicht nur über die mit dem Herstellen von Endschuhen 
verbundenen Erlebnisse, sondern ließ auch einen Blick über ihre Schulter werfen 
und erklärte, wie mit geschickten und geübten Fingern und mit viel Geduld ein 
Endschuh entsteht:

 

Es beginnt mit dem Schneiden der Filzreste zu Streifen. Diese Streifen werden 
dann auf Schusterleisten aufgezogen. Dabei sollten ca. 30 Zetel (= Streifen) in 
unterschiedlichen Farben aufgezetelt werden. So wird der „Enddepper" schön 
hoch und schließt den ganzen Fuß warm ein.

Nun beginnt das Flechten bis zur Nase, das heißt von vorne (ab Zehenspitzen) 
bis zur Öffnung. Der vordere Teil und der Fersenteil sind besonders verstärkt.

Ab der Öffnung wird jetzt rechts- und linksdrehend bis zur Ferse geflochten.

Nach Beendigung des Flechtens werden die Nägel, um die zu Beginn die 
„aufgezetelten" Streifen gelegt worden sind, aus der Leiste gezogen. 
Nun wird noch der Keil aus der Leiste entfernt und der Schuh von der Leiste 
gestülpt.

Jetzt muss noch der Futterstoff zugeschnitten und die Futterwolle (von Schafen) 
eingelegt werden. Das Futter wird über die Wolle gelegt und durchgehend 
festgenäht - von der Nase bis zum Einschlupf.

Der Schuh wird umgedreht auf rechts. Die Sohle wird aus festem Filz 
zugeschnitten und mit umweltfreundlichem Leim aufgeklebt.

Die Arbeitszeit für eine geübte Endschuhmacherin beträgt für ein Paar etwa 
vier bis fünf Stunden.
 

Die Beschreibung des Arbeitsganges soll keine genaue Anleitung zum Flechten 
eines Endschuhes sein - was im Grunde nur durch Zeigen, Nachmachen, Zeigen 
und Üben zu erlernen ist -, sondern sie soll vielmehr verdeutlichen, welche 
Arbeit und Fingerfertigkeit zur Herstellung eines „Bilwasen" benötigt wird.

Selbst in Stuttgart auf der CMT-Messe war die Stadt Giengen 1998 durch 
einen Stand mit Burgberger Endschuhen vertreten. Frau Schwenk bot hier 
sowohl die fertigen Produkte an als auch eine Vorführung der Herstellung.

Für Frau Schwenk ist die Endschuh-Herstellung heutzutage ein Hobby. 
Doch es ist schön, wenn durch solche „Hobbys" traditionelle, mit einer 
Ortschaft verbundene Handarbeiten nicht verloren gehen.
 

Quellen :

Stadtarchiv Giengen:  
Bestand B, Nr. 1233 und 1243

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