Günter Danzer über sein Buch:
 "Jenisch diebra en Oberberg"

 

Burgberg - Geschichte und Leben zwischen Schloss und Stettberg

Die meisten Leute in Burgberg wissen heute noch, dass diebra reden heißt. Jenisch diebra en Oberberg bedeutet also jenisch sprechen in Burgberg. Und Oberberg war bereits der zweite von drei Namen des Dorfes. Von der Burg Berg (der Name Berg wurde erstmals 1209 genannt) ging dieser im Jahre 1372 auf die ersten Häuser am „Bach" über. Anno 1700 kamen die Ortsteile Bach und Weiler zusammen, jetzt wird in den Kirchenbüchern das Dorf „Oberberg" genannt. Ab 1728 siedelten die Grafen von Oettingen, denen ja das Schloss samt Dorf gehörte, „allerley Leut" an und es entstand die Wallerstein'sche Siedlung am „Wasser" und im „Winkel". Das Jahr 1763 brachte dann den Zusammenschluss zur einheitlichen Gemeinde Burgberg. Nicht im Traum hätte ich mir einmal vorstellen können, überhaupt ein Buch zu schreiben.

Aber weshalb kam es doch dazu? Weil ich einfach nicht zulassen wollte, dass ein besonderes Kulturgut von Burgberg, nämlich die jenische Sprache, so sang- und klanglos aus der Geschichte verschwinden sollte. Allerdings muss ich gestehen, in dieser Richtung eine gewisse Vorbelastung zu haben. Zum Ersten war mein Vater mit Leib und Seele Schuhhändler, der noch mit dem Zwerchsack auf dem Rücken die Bauern im Allgäu, im Oberland und Im Unterland besuchte. Zum Zweiten wuchs ich in der kleinen Wirtschaft meiner Eltern auf und erlebte hier die jenischen Unterhaltungen und Gebräuche der alten Händler und Hausierer am Stammtisch, und was sie alles von dr rois, oss em gai ond vom waggl (von der Handelschaft) erzählten. In den sechziger Jahren, als die Handelschaft rasch zu Ende ging, fing ich nur so zum Spaß an, alte Burgberger Wörter, die ich beim Kibitzen aufschnappte, aufzuschreiben. Diese kritzelte ich auf Zettel, Zeitungsfetzen, Bierdeckel, sogar auf den Handrücken und deponierte diese vermeintlich unnützen Aufschriebe in einem alten Schrank auf dem Dachboden. Der Stapel wuchs von Jahr zu Jahr, ohne dass ich jemals nachschaute, welche und wie viele Wörter meine Sammlung aufwies. Nach einer Krankheit im unfreiwilligen Ruhestand fing ich an, in den deponierten Unterlagen zu stöbern. Das Sortieren begann und alphabetische Listen mit 1300 Wörtern kamen zusammen.

Da wuchs meine Begeisterung für diese Arbeit immer mehr. Schlummerte hier nicht ein Schatz? Für mich ja. Aber die meisten Dortbewohner wollten mit dieser Sprache nichts mehr zu tun haben, erinnerte sie doch zu sehr an die frühere bittere Armut im Dort. Man war froh, diese Zeiten mit viel Fleiß und Energie abgeschüttelt zu haben. Langsam begann ich, mich für die Herkunft der Wörter zu interessieren. Zwangsläufig benötigt man dazu Fachliteratur. Aber woher nehmen? Nun ja, ich baldowerte aus, erkundete und sammelte.

Und so befindet sich heute eine umfangreiche rotwelsch-jenische Literatur in meinem Besitz. Bei Überprüfung meiner Wörtersammlung musste ich erst einmal vierhundert schwäbische Wörter, welche auch im „Schwäbischen Wörterbuch" von Fischer/Taigel aufgeführt sind, streichen. Kurze Zeit später bekam ich das Buch „Fahrendes Volk" von Hermann Arnold in die Hände, in dem folgende Hinweise für das Jahr 1850 enthalten sind: „Man spricht jenisch in Burgberg" und „Nock, Komödianten, Heimat Burgberg". Jeder ältere Einwohner kennt heute noch den Ausspruch, den man für eine aufgetakelte Frau parat hält: „Dia schbannt (die sieht aus) wia d Nogge." Und diese Frau Nock, die Letzte ihrer Familie in Burgberg, war immer mit Halsketten und Schmuck überladen und von zigeunerischem Aussehen. Dieser Spur konnte ich ebenfalls folgen und feststellen, dass der älteste und heute zweitgrößte Zirkus der Schweiz aus Burgberg stammt.

Durch Zufall erhielt ich ein Buch mit dem Titel „Rotwelsch" von Professor Friedrich Kluge, der im Jahre 1901 für Burgberg 168 jenische Wörter auflistete. Da die Wörter nach verschiedenen Seiten geprüft und Querverbindungen hergestellt werden mussten, schaffte ich mir Literatur und Lexika über die altdeutsche, die jiddische, die hebräische und die zigeunerische Sprache an. Daneben kamen gleichzeitig Verbindungen mit Personen von anderen Orten, in denen jenisch gesprochen wird, zustande. Ich durfte mich nur an das alte Burgberger Sprichwort halten:

Schillengsfirscht ond Matzabach, Oberberg ond Pfedelbach, Schlossberg, Leinzell, Deufstett', Biel baumled alle an oem Schdiel.

Auch dieser Spur ging ich nach. Endlich hatte ich meine Wörterlisten fertig. Dabei wagte ich den Versuch, die Wörter in einer dreispaltigen Anordnung zu gliedern. Diese Form der Auflistung war von Anfang an vorgesehen, weil mir viele andere Wörterbücher zu trocken und wenig aussagend erschienen. Wahrscheinlich ist diese Form noch nie vorher gewählt worden.

Das Zustandekommen des jenischen Wörterbuches habe ich meinen leider zu früh verstorbenen Freunden Helmut Kübler und Hugo Hosch mit zu verdanken, die beide ausgezeichnete Kenner und Sprecher des Jenischen waren. Sie halfen mir bei der Suche alter jenischer Dialektwörter und spornten mich immer wieder zum Durchhalten an mit den Worten: „Das muss alles für spätere Zeiten festgehalten werden." Auch vielen ungenannten Personen bin ich für ihre Hilfe beim Auffinden des „Jenisch diebra en Oberberg" zu Dank verpflichtet.

Aber was wäre ein Burgberger Dialekt-wörterbuch ohne die historischen Hintergründe? Gehörten die Sprache und die Geschichte der Menschen nicht zusammen? Da ein Buch über die Heimat fehlte, entschied ich mich, Burgberg in einer Gesamtdarstellung aufzuarbeiten. Mir war von vornherein klar, dass dies ein heikles und schwieriges Unternehmen werden würde.

So waren von Herrn Wilhelm Grill, Rektor im Ruhestand, auf dem Gebiet der Geschichte, hauptsächlich der Schulgeschichte, die ich übernehmen durfte, hervorragende Arbeiten vorhanden. Nicht vergessen sind in Burgberg die Verdienste des ehemaligen Rektors Max Hummel. Er schrieb viele Aufsätze und Berichte über Burgberg. Ich selbst besuchte nicht weniger als acht Archive und fand dabei noch manches Interessante. Die Geschichte Burgbergs ist eben komplizierter als die aller anderen Orte des früheren Oberamtes, kam der Ort doch erst 1810 aus der reichsritterschaftlichen Enklave von Oettingen-Wallerstein, also aus dem "Ausland", zu Württemberg und damit zum Oberamt Heidenheim. Auf einige markante Punkte soll kurz hingewiesen werden:

1. Burgberg war der einzige dreisprachige Ort im Oberamt. Es wurde jenisch
    diebred, schwäbisch gschwätzt, wenn nötig hochdeutsch gesprochen.

2. Eine der letzten großen Ritterschlachten, anno 1462, die als Schlacht bei
    Giengen in die Geschichte einging, fand bei Burgberg in der Nähe des
    Grollenecks statt.

3. Einige Unklarheiten um Schloss Burgberg und deren Besitzer konnten
    ausgeräumt und eine neue Schlossbeschreibung erstellt werden.

4. Den Grafen von Linden sowie Professorin Dr. rer. nat. Maria Gräfin
    von Linden sind besondere Kapitel gewidmet.

5. Burgberg war eines der größten Händlerdörfer in Württemberg mit den
    vielseitigsten "freien Künsten", zum
Beispiel dem Rechenmachen,
    dem zaina- oder schena-grätza-pflanza (also Schienenkörbemachen),
    Endsockenflechten, Bürstenbinden, Ziegelmachen und so weiter.

6. Die Anekdoten vom Bäschdale und den alten Burgberger Originalen und
    Musikanten ergänzen und lockern die Geschichte auf.

Ein Kapitel ist der alten Mahlmühle von 1344 gewidmet. Die Mühle und das Schloss sind die ältesten und ureigensten Zeitzeugen Burgbergs. Deshalb richte ich eine Bitte an die Einwohnerschaft und die Stadt Giengen: 

              "Helft mit, die Mühle vor dem Zerfall zu bewahren!" 

Es ist nicht nur irgendwie eine, sondern eine der ältesten Mühlen im Umkreis. Ist nicht einiges davon schon verloren gegangen? Über die Mühle fand ich weder Beschreibungen noch sonstige Aufzeichnungen. In meiner Not rief ich damals Herrn Max Hummel und seine Frau an, sie sollten ihr Geheimfach "Mühle" öffnen und mir bitte einige Unterlagen zur Verfügung stellen. Ihre Antwort war, dass sie über die Mühle keinerlei Material besitzen würden, Also machte ich mich auf die Suche. Und nach einem Dreivierteljahr konnte ich einiges Brauchbare über die Mahlmühle schreiben. Die Mühle war der letzte Mosaikstein nach knapp fünfjährigem Schreiben und Recherchieren.
Ich habe diese jahrelange Arbeit nach bestem Wissen und Gewissen auf mich genommen und als Kenner der Burgberger Gepflogenheiten versucht, die hiesige Geschichte, die Sprache und die Menschen sinngemäß darzustellen mit Humor und der Gnitzigkeit eines echten Burgbergers!

An dieser Stelle möchte ich Herrn Hans Meroth und Herrn Engelbert Mager meinen besonderen Dank für ihre Mühen mit dem Korrekturlesen aussprechen. Sie beherzigten die Bitte, meinen eigenen, nichtakademischen Stil zu belassen. Ein Dankeschön an Herrn Lothar Danzer für seine fortwährende Beratung und der Familie Hess, Büro für Grafik in Syrgenstein, für die Ausgestaltung des Buches. Der Familie Hess verdanke ich schließlich die Herausgabe des Buches, da sie mir in allen Belangen weitgehendst entgegengekommen ist. So soll das vorliegende Buch als Lesebuch mit viel informativen Hintergründen gesehen werden. 

Allerdings betrachte ich den jenischen Dialektwörterteil als Fachbuch. Dieser beginnt mit a, wia abfäll griaga (also Hiebe bekommen), und endet mit z, wia zwie, das soviel heißt wie Zweifachlump.

An dieser Stelle soll ein Auszug aus der Burgberger Sage, der Sage vom Ritter Cuonradus de Berge, wiedergegeben werden:

"Der Raubzug von Ritter Cuonradus in die ulmischen Lande war von Erfolg gekrönt, es gab nur zwei Ausfälle. Und siehe da, ein wunderschönes Mädchen befand sich im heimtrabenden Gefolge. Cuonradus legte großen Wert darauf, dass die Leute behaupteten, die holde Jungfer hätte sich ihm freiwillig angeschlossen. Ja, bei der stattlichen Figur des Ritters. Wie man sich zuflüstert, soll bei dieser Schönen und Gescheiten mit dem zauberhatten Namen Amara auch Zigeunerblut in den Adern geflossen sein. Nun, Ritter Cuonradus schloss seine Amara fortan ins Herz, worauf sie seine große Liebe erwiderte. Das nahm den Ritter so sehr in Anspruch, dass er sich immer mehr von Raubzügen und Zechgelagen zurückzog. So konnte der Nachwuchs nicht ausbleiben. Drei junge Burgfräulein wuchsen heran, sie sollen die Schönsten weit und breit gewesen sein. Deshalb sprachen die Menschen von de Scheane (den Schönen) vom Berg. Und so weiter ..." 
Aus diesem Grunde singt man in Burgberg heute noch das wunderbare Volkslied von der Schönen "Amara". 

Die Buchvorstellung im November letzten Jahres wurde ein riesiger Erfolg. Schade, dass die Burgberger Turn- und Festhalle die vielen interessierten Menschen nicht fassen konnte. Unter den Gästen befanden sich Oberbürgermeister Siegfried Rieg und viele Experten der jenischen Sprache aus dem süddeutschen Raum. Das in jenischer Sprache inszenierte Theaterstück „A jenischdieberberger gschmuserey" (eine jenische Plauderei in Burgberg), eigens vom Autor geschrieben, fand begeisterten Beifall des ganzen Hauses. Es handelte vom galmaguffer, der da gallach, d Seffe on d Kadreh zom boitzersmessle en d kobre lenggd, om en gaddiga schei z benscha (vom Lehrer, der den Pfarrer, die Josepha und die Katharina zur Wirtstochter in das Gasthaus führt, um ihr einen fröhlichen Tag zu wünschen). Den Rahmen der Vorstellung gestalteten der Musikverein und die Gesang- und Theatervereinigung aus Burgberg mit heimatlichen Klängen.

Nachbetrachtung

In Burgberg ist die Erinnerung an die Vergangenheit und die jenische Sprache noch lebendig. Das vorliegende Buch "Jenisch diebra en Oberberg  Burgberg - Geschichte und Leben zwischen Schloss und Stettberg" will die Burgberger Geschichte für die nachfolgenden Generationen erhalten. Das Leben der Jenischen war hart, doch ihr Lebensmut überwand alle Nöte und Sorgen. Dazu trugen die Freiheit der Händler und ihre vertraute Sprache bei. Das Jenische entstand aus einem Sprachenwirrwarr, ohne besondere Grammatik und ohne irgendwelche Regeln. Dennoch konnte jeder jeden verstehen. Rückblickend kann man sagen: Den Leuten konnte noch im wahrsten Sinne des Wortes aufs Maul geschaut werden. Wie mit den Launen des Augenblicks, so kann mit der jenischen Sprache gespielt werden: klug, spitzbübisch, kundig und oft auch leichtsinnig und trügerisch. Die reiche Auswahl der Wörter, die freien Satzbildungen und die beliebigen Wortspielereien kennen keine Zwänge.

An den Stammtischen bei einem Becher dufda johle fällt die Rückerinnerung besonders leicht. Es wäre schön, wenn das wunderbare jenische gekaschbr unverfälscht weiter gepflegt würde.

Also heaged älle weiter beim schbitza, loosa ond baldessa. Das heißt: Augen auf, Ohren gespitzt und alles nicht so ernst nehmen. In diesem Sinne möchte das "Jenisch diebra" verstanden werden. Als Fachbuch der jenischen Sprache hat das Werk sogar im europäischen Ausland Aufmerksamkeit erregt. Kein Wunder, dass das Buch mit seinen 315 Seiten und 250 Abbildungen (Auflage 1000 Stück) bereits vergriffen ist.
An gwanda schei Grüß Gott und guten Tag


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